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Carlos Ruiz Zafón "Der Schatten des Windes"


Inhalt

„Also, das ist eine Geschichte, die von Büchern handelt.“ „Von Büchern?“ „Von verfluchten Büchern, von dem Mann, der sie geschrieben hat, von jemanden, der aus den Seiten eines Romans entwischt ist, um ihn zu verbrennen, von einem Verrat und einer verlorenen Freundschaft. Es ist eine Geschichte von Liebe, Hass und den Träumen, die im Schatten des Windes hausen.“ (S. 212)


Mieze-Kritik zu "Der Schatten des Windes"

Drei Dinge sprechen für eine grandiose Geschichte: 1. Carlos Ruiz Zafón, (hier in einem kurzen Interview) gerade 55jährig im Juni d. J. verstorben, ging in Nachrufen hoch gelobt durch die Medien und ist nach Cervantes mit "Don Quijote" der meistverkaufte spanische Autor aller Zeiten, 2. die nahezu gleichzeitige dringende Empfehlung der viel lesenden Schwägerin und 3. ein unheimlich schöner, ja magischer Beginn des Romans:

 

Der Buchhändler Sempere geht mit seinem Sohn Daniel im Sommer 1945 durch die Straßen Barcelonas – er ist alleinerziehend, weil seine Frau an Cholera starb, als der Sohn gerade fünf Jahre war. Er will seinen Sohn, nun fast elfjährig, in das Geheimnis des Friedhofs der Vergessenen Bücher einführen. Keinem darf Daniel von dieser Bibliothek erzählen und hier darf er sich sein Exemplar auswählen und quasi adoptieren, um es vor dem Vergessen zu bewahren –

 

Die Magie dieses Anfangs von "Der Schatten des Windes" mit seiner Poesie, mit jedem exakt sitzenden Wort und der Atmosphäre zwischen Vater und Sohn und der in der Bibliothek hat mich weit in das Buch und in die Geschichte hineingetragen. Irgendwann hat sie sich aber leider im Verlaufe des 573 Seiten umfassenden Buches verflüchtigt und konnte für mich nicht aufrechterhalten werden.

 

Warum nicht?

 

Also: "Der Schatten des Windes" ist eine wirklich schöne, streckenweise mysteriöse Geschichte, ein wunderbarer Schmöker (Zitat Elke Heidenreich), aber nicht erzählt in meiner Sprache: Sie ist mir zu ausufernd, zu schnörkelig, zu schwülstig. Die Sprache bleibt nun einmal Träger der Geschichte und, ich weiß nicht, irgendwann gehen mir solche oder ähnliche Sätze ja sozusagen auf den Lese-Geist: „Der Regen trommelte wütend an die Fenster“ oder: „Mit bis zum Hals schlagendem Herzen sprang ich aus dem Sessel, …“ (S. 364) – Zafón arbeitet großzügig mit Adjektiven, beschreibt die Geschehnisse sehr ausführlich und dadurch langatmig und lässt von einem in vielen Belangen teils sehr frühreif wirkenden Daniel erzählen.

 

Barcelona selbst ist eine der ‚Hauptfiguren‘ im Roman und man spürt in den Beschreibungen, wie sehr Zafón sich auskennt und seine Stadt liebt - es soll sogar Stadtführungen aufbauend auf seinem vierteiligen Romanzyklus (Teil 2 „Das Spiel des Engels“, Teil 3 „Der Gefangene des Himmels“, Teil 4 „Das Labyrinth der Lichter“) geben, jedoch ist die Präsenz der Stadt beim Lesen manchmal mir zu drückend.

 

Zum Ende des Romans spüre ich noch einmal den Zauber des Anfangs aufkommen, als Daniel und sein Compagnon Fermín (oh Schelm) mit einer Prostituierten einem alten Herrn in einer Seniorenresidenz einen letzten Wunsch erfüllen... ;-) 


Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes, Aus dem Spanischen von Peter Schwaar, FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main, 2013, 7. Auflage März 2020, 573 Seiten, ISBN 978 3 596 19615 9

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