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Ralf Rothmann "Hotel der Schlaflosen"


Ralf Rothmann, geb. 1953 in Schleswig, jetzt Berliner, mit „Hotel der Schlaflosen“, gesehen bei @rat_krespel, hat mich summa summarum überzeugt, dennoch war ich während des Lesens bisweilen stark verunsichert. 

 

Doch auf Null zurück und damit:


Worum geht es?

„Hotel der Schlaflosen“ ist eine Sammlung von Erzählungen, die sich zum Großteil mit dem Thema Angst beschäftigen.

 

Es sind elf Geschichten, darunter beispielsweise:

·       um eine Musikerin, die die finale Diagnose erhält und aus dem Fenster springt,

·        die authentische des im Auftrag Stalins handelnden „Henkers“ Blochin, der nicht Systemkonforme (was quasi jeder sein konnte), darunter selbst eigene Verwandte, hinrichtet, schließlich auch den von ihm bewunderten Schriftsteller Isaak Babel,

·        des immer tough erscheinenden Vorarbeiters, des Dicken Schmitt, der auf seinen Baustellen gerne die Unterstellten schikaniert, 

·        des Jungen, der seinen Vater beratend ins Spielzeuggeschäft begleitet, und die dabei einem Verwirrten mit Pistole über den Weg laufen...


Mieze-Kritik bzw. "Ein leises Ziehen in der Herzgegend" (S. 201)

Ralf Rothmann "Hotel der Schlaflosen"
"Hotel der Schlaflosen" und der Funke Hoffnung im Winter Foto: J. Hebig

Ralf Rothmann lotet in seinen Erzählungen komprimiert (keine der Geschichten hat dreißig Seiten) und überzeugend die Charaktere seiner Protagonisten aus.

 

Bereits am Ende der Geschichte Eins „Wir im Schilf“ stockt mir erstmalig der Atem, als Rothmann die Violinistin bei ihrem Todessprung aus dem sechsten Stock begleitet:

 

„… und sie wunderte sich, wie leicht er war, dieser eine Schritt über alles hinaus. Sie sah ihren Schatten mit unglaublicher Geschwindigkeit die Wand hinabgleiten, ihren wild flatternden, jäh über den Kopf in die Höhe gerissenen Mantel, aus dem das Kleingeld fiel, und stand immer noch im Schilf. (S.22)

 

Es sind immer die negativen Extreme, die der Autor seine Figuren (und damit die Leser*innen) erleben, erfühlen lässt: die Todesdiagnose mit Suizidfolge; den Alltag eines Killers mit mehr als unvorstellbaren Gedankenspielen; den Moment, als die geladene Pistole einem auf die Brust gehalten wird; der abtastende, sublime Respekt beim Besuch des cholerischen Vorgesetzten, weil man seine Tochter versetzt hat; der aufsteigende grollende Hass auf die Chefin, die hinterrücks einer ehemaligen besten Freundin die eigene Stelle angeboten hat, und so weiter –

 

Die Titelgeschichte „Hotel der Schlaflosen“ (Erzählung Nummer Zwei) ist die gelungenste, aber auch die extremste Geschichte im Buch. Fassungslos begleite ich den Hauptakteur Wassili Blochin in seinem Alltag in einem Hotel in der Mitte Moskaus, das zur staatlichen Mordstation umfunktioniert wurde. Seine fiesen unvorstellbaren Gedankengänge und die Erbärmlichkeit seines Handelns, insbesondere in Gegenwart des ureigentlich von ihm bewunderten Schriftstellers Isaak Babel – das ist meisterhaft erzählerisch umgesetzt.

 

Allerdings suche ich in den Geschichten danach krampfhaft nach Hoffnung, nach Optimismus, nach etwas Positivem und Humor, das alles gesteht Rothmann seinem Leser in nur kleinen Dosen (sozusagen Zitat Autor: momentlang) zu.

 

Zudem: Die Geschichte „Admiral Frost“ um einen kraftstrotzenden Hengst war mir vom Leseerlebnis obsolet und habe ich daher großzügig überblättert. 

 

Letztendlich bleibt für mich die Frage zu beantworten: Kann Ralf Rothmann auch anders als so düster? Dem werde ich aufgrund des erzählerischen Könnens des Autors mit Sicherheit auf den Grund gehen wollen und entspricht somit einer klaren Leseempfehlung 😊!


Ralf Rothmann, Hotel der Schlaflosen, Suhrkamp Verlag Berlin, 3. Auflage 2021, 205 Seiten, ISBN 978 3 518 42960 0

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