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Olga Grjasnowa "Der Russe ist einer, der Birken liebt"


Ach, dieser Titel! Genial, gell? „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Was soll’s aber heißen, bedeuten? Kann alles und auch nichts. Lange muss ich warten, bis mir ein Hinweis gegeben wird. Auf Seite 265 von 284: 

 

„… Du sieht gar nicht deutsch aus.“ „Wie sehen Deutsche aus?“ „Keine Ahnung.“ „Und Russen, wie sehen die aus?“, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern, sagte: „Wie Leute, die Birken lieben.“ „Amerikaner?“ „Schau dich doch um. Palästina ist voll von ihnen.“ „Und die Palästinenser?“ „Wie Leute, die es gewohnt sind, lange zu warten.“ 

 

Doch zunächst zurück auf null und damit:


Worum geht es?

Uneingeschränktes personelles Zentrum des Romans ist Maria/Mascha, die auch erzählt. Mit ihrem Freund Elias/Elischa, der aus Thüringen stammt und Fotograf ist, lebt sie in Frankfurt am Main. Maria ist in Baku geboren, kam 11jährig mit ihren Eltern als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Damals kein Wort Deutsch sprechend beherrscht sie nun als junge Erwachsene fünf Sprachen. Ihr beruflicher Traum ist es, als Dolmetscherin bei der UN zu arbeiten. Die Zäsur kommt jedoch - mit einer Verletzung, einem Bruch, den Elias beim Fußballspielen erleidet und sich zu einer tödlichen Sepsis entwickelt. Maria fällt in ein Loch…


Mieze-Kritik zu Olga Grjasnowa "Der Russe ist einer, der Birken liebt"

Olga Grjasnowa "Der Russe ist einer, der Birken liebt"
Olga Grjasnowa "Der Russe ist einer, der Birken liebt"

Trauer und Trauerbewältigung ist sicher das große Thema in Olga Grjasnowas Roman. Was macht es mit uns, wenn ein geliebter Mensch und ganz nah stirbt? Wie und was kann uns daraus retten, gibt es Rettung und wollen wir überhaupt gerettet werden?

 

Aber das ist der Geschichte nicht genug, bei weitem nicht.

 

Für Maria bricht mit dem Tod ihres Freundes ein Trauma aus Baku wieder auf. Sie sah als Kind direkt vor ihren Augen eine Frau verbluten.

 

Weites Feld und noch viel weiter: 

 

Kriegs- und Religionskonflikte in Armenien/Aserbaidschan (Bergkarabach), in Israel/Palästina, das Jude/Jüdin-Sein, Rassismus, Sexismus, Vorurteile, Klischees, schnelle Meinungsbildung, posttraumatisches Erleben, Freundschaft und Liebe über Länder, Kulturen, Religionen hinweg, denn Cem, Sami, Tal, Ori, Ismail sind türkischer, libanesischer, palästinensischer … Herkunft. Bei allem ist Maria keine, die sich schont, und keine, die andere schont.

Das letzte bisschen wollte ich herauskotzen. (S. 154)

Meine dominante Lesewahrnehmung aber: ihre Zerrissenheit, das Losgelöste und Losgerissene ihrer Geschichte und in ihrer Person, das Unruhige und nicht Verortbare. Ausgerechnet nach Tel Aviv geht Maria, eines Jobs wegen. Wenn Heimat kein greifbarer Ort mehr ist, wo ist sie dann? Israel scheint kein Ort zu sein, der heilt, Maria.

 

So bin ich auch zerrissen in der Beurteilung dieses intensiven Romans, nein, das will ich gar nicht: beurteilen. Aber - ich bin ganz bei Elmar Krekeler, der auf der Rückseite des Taschenbuches schreibt: „Man würde Mascha zwischendurch so gern in den Arm nehmen. Das würde sie nicht mögen. Und wir würden es nicht schaffen. Mascha Kogan ist einfach nicht zu fassen.“

 

Und: Sind Russen welche, die Birken lieben? Palästinenser welche, die gewohnt sind, lange zu warten? Wie sind Deutsche? Wie Amerikaner? Echt: keine Ahnung.


Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku, Aserbaidschan, wuchs im Kaukasus auf. Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel. Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. 2011 erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Für ihren vielbeachteten Debütroman wurde sie 2012 mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. (aus der Innenklappe)


Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer, der Birken liebt, 2013 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 9. Auflage, München 2020, 284 Seiten, ISBN 978 3 423 14246 5

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