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Natascha Wodin "Sie kam aus Mariupol"


Wer war meine Mutter? Als ich zehn war, geht sie in die Regnitz. Die letzten Wochen ihres Lebens hat sie kaum mit mir und meiner Schwester gesprochen - sie wollte uns ‚mitnehmen‘, das hatte sie manches Mal noch gesagt. Ich kenne sie als „armselige, desolate Gestalt“ (S. 41), unsere Familie an sich war desaströs, mein Vater trank und war von ihr genervt, weil sie es nicht einmal schaffte, den Haushalt zu führen, geschweige denn, etwas Geld für die Familie dazuzuverdienen. Ich selbst erlebe mich als Kind als die ewige Außenseiterin, ich bin von vornherein ausgestoßen. Alles an mir scheint falsch. „Ich wollte weg, immer nur weg, seit ich denken konnte, meine ganze Kindheit wartete ich nur aufs Erwachsenenwerden, damit ich endlich wegkonnte.“ (S. 27) Wer war meine Mutter?

 

Sie kam aus Mariupol… 

 

Mir sind geblieben: drei Fotos, die Heiratsurkunde, die Arbeitskarte meines Vaters und eine kunstvoll gearbeitete Ikone. Ich recherchiere und werde tatsächlich irgendwann fündig. Es ist mühselig, aber Konstantin hilft und ist ein Glücksfall. Es bleibt vieles verworren. Fragen über Fragen, es fehlen Antworten, aber anhand vieler historischer Fakten kann ich manches erahnen, meine Erinnerungen verweben sich mit den Suchergebnissen. 

 

Sie kam aus Mariupol… 

 

Meine Familie blättert sich langsam auf – ihr Vater „… ein bolschewistischer Revolutionär mit einer langen Verbannungsgeschichte, ihr Bruder ein dekoriertes Parteimitglied, ihre Schwester und sie Renegatinnen, die eine verbannt in ein sowjetisches Arbeitslager, die andere Zwangsarbeiterin beim deutschen Kriegsfeind, eine potenzielle Kollaborateurin.“ (S. 48)

 

Sie kam aus Mariupol…

 

Von einer Diktatur in die nächste… immerzu geächtet, verloren, gebrochen, unfähig zu leben, haltlos, entwurzelt - eine Heimatlose mit Heimweh.

 

Es entwickelt sich vor mir die Gesamtheit der Dimensionen und Bilder ihres Lebens vor dieser Historie und diesen Systemen - des Schreckens, der ständigen Gefahr, der Angst, der Ablehnung und der Unterdrückung und der Ignoranz gegenüber ihrem Menschsein. Ich bin erleichtert, Momente des Glücklich- und des Geliebtseins in ihrem Leben zu finden.

 

Sie kam aus Mariupol…

 

So wichtig! So aktuell.

 

Große Leseempfehlung.


Natascha Wodin, 1945 als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs erst in deutschen DP-Lagern, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Später übersetzte sie aus dem Russischen und lebte zeitweise in Moskau. Auf ihr Romandebüt Die gläserne Stadt, das 1983 erschien, folgten etliche weitere Veröffentlichungen, darunter die Romane Einmal lebt ich, Die Ehe und Nachtgeschwister. Für ihr Werk bekam sie unterem anderen den Hermann-Hesse-Preis, den Brüder-Grimm-Preis, den Adelbert-von-Chamisso-Preis und - für das noch unveröffentlichte Manuskript von Sie kam aus Mariupol - den Alfred-Döblin-Preis verliehen. Heute lebt sie in Berlin und Mecklenburg. (Aus der Klappe)


Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol, Rowohlt Verlag GmbH Hamburg, 1. Auflage März 2017, 364 Seiten, ISBN 978 3 498 07389 3

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